Erst kommt das Essen, dann die Demokratie - “Das mit den Reformen ist nun vorbei”

essensich ein Despot 25 Jahre lang an der Macht halten kann, dann
nicht allein wegen eines perfekten Unterdrückungsapparates oder
regelmäßiger Schecks vom CIA oder irgendeines falschen Bewußtseins
der Plebs, die sich nicht nach den Wünschen linker Intellektueller
richtet.
Touristen, Kanal, USA-Subsidien und Überweisungen von Gastarbeitern
plus fruchtbares Niltal garantieren ein erträgliches Leben der
Ägypter und verringern den Wunsch nach einem Regimewechsel, von
dem sich die große Mehrheit der Bevölkerung auch keine rechte
Vorstellung machen kann, ganz erheblich. Mubarak muß vor allem
aufpassen, daß keine sieben magere Jahre kommen. Dann bleibt er
sicher das kleinere Übel gegenüber einer unsicheren Zukunft.
Leider, leider, leider muß man das zur Kenntnis nehmen. Die
Diktatur des Proletariats wird so bald nicht in Kairo ausgerufen.
Das Regime Franco z.B. hat auch bis zum Tod des Diktators gehalten.
Die Mehrzahl der Spanier sah keine Alternative, weil vom Tisch
der Kapitalisten allerhand an das Volk herunterfiel und der Polizei-
staat akzeptiert werden konnte. Das hat mir auch nicht gefallen,
aber wenn man Alternative mit Bürgerkrieg und Ende eines wenn auch
recht bescheidenen Wohlstands assoziiert, ist die Antwort
vorhersehbar.
Wichtig ist wohl auch, daß Ideologien von der Notwendigkeit starker
Männer an der Regierung über lange Zeit in der Bevölkerung
weitergereicht und verinnerlicht worden sind. In orientalischen
Männergesellschaften ist das wohl so.
Systemwechsel
kommen erst, wenn der Diktator mit Umständen
konfrontiert
wird, die er nicht beeinflussen kann, wie Naturkatastrophen; oder
wenn er von einer fremden Macht gestürzt wird; oder wenn er seinen
Macchiavelli nicht gelesen hat und so ziemlich alles falsch macht;
oder wenn bei seinem Tod ein Machtvakuum entsteht, weil es gar keinen
oder mehrere rivalisierende Nachfolger gibt.
Ob dabei dann gute oder miserable Systemwechsel herauskommen, ist
die nächste Frage. Sie kann aber nur im Nachhinein einigermaßen
objektiv beantwortet werden.
Gruß aus Kiel
C.M.

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